first world poor – Fotobericht von Sofie Herold

„First world poor“

Cover Fotobericht "first world poor"
Cover „first world poor“


Luxus ist, wenn man trotzdem kauft

Chrissi kann nicht auf Luxus verzichten. Sie will auch nicht auf Luxus verzichten.

Chrissi ist 22 Jahre alt und lebt alleine in einer zwei Zimmer Wohnung. Sie fährt ein eigenes Auto, besitzt ein teures Smartphone und einen Laptop und kauft sich regelmäßig neue Kleidung, Schuhe oder Accessoires. Sie geht ein paarmal im Monat feiern, leistet sich regelmäßig Besuche bei einer Kosmetikerin und isst mehrmals in der Woche in einem Restaurant.

Trotzdem, oder gerade deswegen, hat Chrissi kein Geld. Ihr Konto ist fast jeden Monat mit mehreren hundert Euro im Minus.

Sobald Chrissis Gehalt auf ihrem Konto eingeht, leistet sie sich, worauf sie Lust hat. Dann fehlt es ihr an nichts.

Aber gegen Ende des Monats kann sie sich

Luxusartikel Laptop
Luxusartikel sind Chrissi wichtig

nicht einmal mehr Lebensmittel kaufen. „Dann gibt es eben nur noch Brot oder Müsli. Das geht schon“, sagt sie.

Viele junge Erwachsene leben nach diesem Motto. „First world poor“ nennt sich dieses Phänomen.

 

leerer Kühlschrank first world poor
Blick in den Kühlschrank. Gekauft werden Lebensmittel erst dann, wenn es gar nicht anders geht

 

„First world poor“ – ein Leben im Wohlstand.

Menschen, die „first world poor“ sind, leben in den Industrienationen, also in Ländern mit hohem Lebensstandard, wie zum Beispiel Deutschland.

Ihre Armut ist nicht der Mangel an Erfüllung von Grundbedürfnissen. Sie ist ein Resultat ihres Lebenswandels und der Wünsche, die sie sich erfüllen, obwohl ihre Ansprüche viel höher sind, als es ihr Budget zulässt.

Arm im eigentlichen Sinne sind „first world poor“ Menschen natürlich nicht. Ihre Armut ist nicht vergleichbar mit der Armut, die in den Dritte Welt Ländern vorherrscht und führt auch nicht zu den Problemen, die Armut in diesen Ländern bewirkt. „First world poor“ Menschen hungern und frieren nicht und wohnen auch nicht in notdürftig zusammen-gezimmerten Blechbehausungen am Rand einer Müllkippe.

Menschen, die als „first world poor“ bezeichnet werden haben ein Dach über dem Kopf und eine Heizung aber sie haben Schulden beim Wärmeversorger. Auch ihre Strom- und Wasserrechnung ist selten vollständig bezahlt.

Tankstelle
Kontrollblick beim Tanken. Getankt wird fast ausschließlich für zusammengekratztes Kleingeld

Sie haben eine feste Anstellung mit geregeltem Gehalt, aber trotzdem kein Geld auf dem Konto.

Menschen, die first world poor sind, haben kein Geld, weil sie gemessen an ihren regelmäßigen festen Ausgaben entweder grundsätzlich zu wenig verdienen oder weil sie schlicht über ihre Verhältnisse leben.

Luxus hat seinen Preis – hohe Verschuldung bei jungen Menschen in Deutschland.

Chrissi verdient wenig und lebt zusätzlich über ihre Verhältnisse.

So geht es ungefähr 1,75 Millionen Deutschen unter 29 Jahren. Sie leisten sich zu viel und verschulden sich im Durchschnitt mit 7.500,00 € bei einem Nettoeinkommen von monatlich nur 725,00 € durchschnittlich. Dabei ist die langfristige Entwicklung alarmierend. Laut statistischem Bundesamt ist zwischen 2004 und 2014 die Zahl der Verschuldeten um 68% gestiegen. Das bedeutet, dass immer mehr junge Menschen in die Schuldenfalle tappen. Sie verschulden sich, weil sie sich den gewünschten Luxus einfach leisten trotzdem ihr Budget dafür nicht reicht.

„Ich kann auf alles verzichten- außer auf Luxus.“ – Oscar Wilde

Das neuste Handy muss her oder auch die neuste Designerhandtasche. Und das geht auch so einfach. Für junge Erwachsene ist es viel leichter geworden Geld auszugeben, das sie eigentlich gar nicht haben. Banken räumen viel zu schnell einen Dispo ein und Privatkredite ermöglichen Jugendlichen ihren Begierden nach Luxusgütern nachzugeben.

Besonders wichtig sind Internet- und Handyverträge für junge Erwachsene. Die Angebote sind scheinbar günstig und locken mit den Geräten. Am Ende summieren sich die Kosten im Monat. Ungefähr 18% der Gesamtschulden machen technische Geräte und Verträge aus.

Bei Chrissi ist das anders. Sie kauft lieber Klamotten oder Kosmetik. Das geht auch alles ganz bequem von zuhause aus, zum Beispiel auf Rechnung kaufen und erst zwei Wochen später bezahlen. Die neue Designerhandtasche wird dann auf Raten bestellt. Häufig erhöhen sich die Schulden aufgrund von Mahngebühren oder auch durch Anwaltskosten für Vollstreckungsmaß-nahmen.

Keine Kontrolle über das Geld. So wird man schnell zum Luxusopfer.

Statistisch gesehen geben junge Leute mit am häufigsten ihr Geld für Kleidung aus. Dabei denkt mehr als ein Drittel nicht einmal darüber nach, ob sie es sich überhaupt leisten können. Der Grund dafür: Geld ist unsichtbar weil es auf einem Konto liegt. Es wird gekauft und gekauft und der Zähler läuft ganz woanders weiter.

Portmonee
Kartensammlung im Portmonee

So werden die Ausgaben unübersichtlich und der Schuldenhaufen stülpt sich über sein Luxusopfer.

Auch Chrissi denkt nicht darüber nach, ob sie sich das, was sie kauft leisten kann. Sobald ihre Grundbedürfnisse gedeckt sind, erwachen neue Begehrlichkeiten. Wenn sie in einem Einkaufszentrum ist und etwas sieht, muss sie es auch haben. Und danach gibt es wieder etwas Neues, nach dem sie strebt. Kaufen ist das Einzige, das ihr zurzeit Freude bereitet. Aber auch essen- oder feiern gehen gehören für Chrissi zum Muss.

Shoppen aber first world poor
Chrissi zeigt uns, was sie sich trotzdem leistet

Kaufen ist für Chrissi auch eine Art von Belohnung. Es macht sie glücklich. Vor einigen Monaten ging es ihr gesundheitlich nicht gut. Zugenommen hatte sie auch. Wenn die Kleidung nicht mehr passt, kauft sie viel Kosmetik. Für Make-Up braucht man keine Größe 36 und das spendet Chrissi Trost. Auch wenn es nur für kurze Zeit ist.

Im Prinzip ist Chrissi klar, dass sie eigentlich kein Geld hat. Sie weiß auch, dass es ihr grundsätzlich an Nichts fehlt und doch hat sie nicht genug.

Schönheit als Luxus
Für ihr Äußeres überzieht Chrissi ihr Konto regelmäßig

 

Sie hat eine Wohnung, einen Job, Kleidung und etwas zu essen. Aber das reicht nicht, um zufrieden zu sein. Besitztümer sind das was sie glücklich macht, auch wenn ihr Kontostand sie unglücklich macht.

„Viele Frauen gehen nicht auf die Waage, weil sie die Wahrheit nicht wissen wollen, die genau vor ihnen liegt. Ich checke nie meinen Kontostand, weil ich die Wahrheit nicht wahrhaben will“, erklärt Chrissi.

Finanzielle Defizite – das Resultat gefühlsmäßiger Armut.

Viele der verschuldeten Jugendlichen kommen aus instabilen Familienverhältnissen, so wie Chrissi, und haben den Umgang mit Finanzen und Verträgen nie gelernt. Sie leiden oft auch an gefühlsmäßiger Armut und geben eher den Reizen nach als andere. Bei einigen sind die Bedürfnisse zu stark. Für sie ist Kaufen ein Ersatz für anderen Luxus, den sie nicht haben: zum Beispiel eine glückliche Beziehung oder einen Beruf in dem sie aufgehen können. Aus dieser gefühlsmäßigen Armut resultieren dann ihre finanziellen Defizite.

Chrissi und viele andere junge Menschen verursachen durch den Luxus ihre eigene Armut, weil sie nicht verzichten können. Daraus resultiert für viele die persönliche Pleite. Das bedeutet manchmal auch, dass sie Privatinsolvenz anmelden müssen.

„First world poor“. Aber nicht für immer.

Bei Chrissi muss es nicht so weit kommen. Wenn sie ihr Kaufverhalten ihrer finanziellen Situation anpasst kann sie aus dem Teufelskreis noch heraus kommen.

Genau so viele junge Menschen, die in der Schuldenfalle landen, lernen auch aus ihren Fehlern und erkennen im Laufe des Erwachsenwerdens den Sinn worauf es im Leben ankommt:

„Genügsamkeit ist natürlicher Reichtum, Luxus ist künstliche Armut.“

Sokrates

 

Fotobericht first world poor Sofie Herold

 

Warum habe ich dieses Thema gewählt?

First world poor ist ein Thema, dass die Presse so noch nicht thematisiert hat. Gerade weil es ein neues Thema ist, hat es mich so interessiert. Für das Thema habe ich eine reale Person interviewt, um den Bericht authentischer zu machen. Mein Fotobericht ist kein Expertenbericht, sondern thematisiert das Phänomen first world poor und soll darüber aufklären.

Ich denke, dass sich viele junge Leute mit dem Thema identifizieren.

Der Fotobericht war mein erstes Projekt für mein Crossmedia Studium und ist so etwas wie eine kleine Reportage. Den Text habe natürlich selbst verfasst. Auch die Bilder habe ich selber fotografiert und anschließend bearbeitet. Dieser Aspekt wurde zusätzlich bewertet.