Kurzgeschichte

Die Zweite Chance

Ich weiß nicht mehr wann das angefangen hat. Das stetige Surren in meinem Ohr und die damit verbundenen Kopfschmerzen.

Ich weiß nur zu diesem Zeitpunkt hat dieser Traum begonnen.

Mein altes Leben endet heute und hier und jetzt wage ich einen Neuanfang. Weg von meiner Vergangenheit und den ganzen Problemen. Und vor Allem weg von ihr. Jetzt wohne ich alleine mit gerade mal achtzehn Jahren in einer kleinen Vorstadt und gehe auch auf eine neue Schule. Immerhin meinen Schulabschluss sollte ich nachholen.

Der Umzug verläuft relativ schnell, auch das Auspacken- viel Hab und Gut besitze ich heute nicht mehr. Dementsprechend sieht auch meine Wohnung aus. Kahl und eher fremd. Die letzten Kartons packe ich noch aus und genau in diesem Moment ist es zum ersten Mal passiert. Mein Kopf wurde so unglaublich schwer, das Surren im Ohr und dann…

Es fühlt sich so real an. Einfach Alles. Und doch weiß ich dies ist nicht die Realität, nicht meine Realität.

Mein Vater steht vor mir. Mein Vater, der eigentlich vor einem Jahr gestorben ist. Und doch fühlen sich seine rauen Finger auf meiner Haut, als er meine Hand nimmt, so echt an.

Ich schließe für einen Moment meine Augen und versuche mich daran zu erinnern was jetzt meine Realität ist. Sein Tod. Mein Umzug. Ihr Versagen.

Ich liege in meinem Wohnzimmer auf dem Boden und starre an die Decke. Mein Mund ist ganz trocken. Habe ich etwa geschrien?

Ich bin wieder in meiner Wohnung, meinem neuen Leben und meiner Realität. Und in dieser Realität höre ich seitdem ich wach bin, denn ich vermute einfach nur geträumt zuhaben, ein lautes Hämmern.

Ein Hämmern an meiner Tür?

Eilig gehe ich zur Tür, wobei gehen beschreibt nicht annähernd das was ich gerade tue. Ich stämme mich eher auf und bewege mich sehr ungraziel, noch benommen, zur Tür und spähe durch den Türspion. Ein Mann, etwa fünfundzwanzig steht vor meiner Tür. Ein Mann, vielleicht ein Nachbar oder oh Gott ein Serientriebtäter. Nein zurück zur Realität ein Serientriebtäter klopft nicht einfach an deine Haustür um dann einzubrechen und dich umzubringen. Aber eigentlich klopft dieser Mann ja auch nicht, er hämmert an die Tür und das wie ein Wilder.

Egal ich öffne die Tür.

„Alles in Ordnung bei Ihnen? Ich habe einen lauten Schrei gehört und ein dumpfes Geräusch!“

„Nein, ich mein ja alles bestens ich räume nur noch ein paar Kartons aus, mir ist etwas auf den Fuß gefallen. Entschuldigen Sie bitte für den lauten Schrei.“

Der Mann, der sehr attraktive junge Mann, wie mir plötzlich bewusst wird schaut mich an und fängt an zu grinsen. „Achso, Sie müssen also meine neue Nachbarin sein. Willkommen ich bin Jim.“

Jim reicht mir seine Hand und ich ergreife sie. „ Hey Jim, schön dich kennenzulernen. Und nochmals Entschuldigung für den Lärm!“

„Alles in Ordnung ich hatte mir nur Sorgen gemacht. Aber deinen Namen weiß ich immer noch nicht.“ Jim legt den Kopf schief und grinst mich an.

Oh nein wie peinlich, ich habe vergessen mich vorzustellen.

„Alana, ich bin Alana.“

„Schön dich kennenzulernen und zu wissen bei dir ist alles in Ordnung Alana. Ich muss wieder rüber in meine Wohnung, aber wir sehen uns jetzt sicher öfter.“

Und damit dreht sich Jim um und geht in seine Wohnung zurück, die genau gegenüber von mir liegt.

Diesen Abend gehe ich früh ins Bett und da passiert es wieder. Das Surren in meinem Ohr und die Kopfschmerzen und schon bin ich nichtmehr da wo ich zu sein glaube.

Eine Wiese, ein Haus und mein Vater. Schon wieder. Ich sehe meinen Vater, der vernarbt ist am ganzen Körper. Genau so eine Narbe trage ich seit dem Tag an dem sich mein Leben völlig verändert hat an meinem Bein. Eine hässliche lange Narbe, die sich von meinem Oberschenkel bis runter zum Knöchel in einer leichten welligen Bewegung zieht.

Mein Vater schaut mich an, fängt an zu schreien und dann sehe ich sie. Mein ist Vater verschwunden.

Sie steht vor unserem Haus im Vorgarten und lächelt mich an. Warum lächelt sie? Sie hat keinen Grund zu lächeln. Dann sehe ich es in ihrer Hand, ein Feuerzeug. Genau das Feuerzeug welches mein Leben von Grund auf geändert hat. Das plötzliche Stirnrunzeln und den verwirrten Blick, den sie plötzlich aufsetzt kenne ich nur zu gut. Ich versuche aufzuwachen, mich an das zu erinnern was real ist und was nicht. Und sie gehört zu meiner jetzigen Realität ganz bestimmt nicht dazu. Ich spüre den Schmerz wieder und all die Gefühle, die mich damals fast kaputt gemacht haben.

Ich sitze in unserem Haus, meinem alten Zuhause. Meinem Zuhause aus glücklichen Zeiten. Ich sitze an unserem schönen Esstisch und wir frühstücken. Meine Mutter, mein Vater und ich. Sie sehen irgendwie glücklich aus.

Das kann doch nicht wahr sein. Das ist ein Deja-Vu versuche ich mir immer wieder einzureden aber ich bleibe an diesem Tisch, esse Brötchen und sehe meine Mutter an.

Sie sieht aus wie früher als ich noch klein war, nicht nachdem was mit ihr passiert ist. Sie schaut mich lächelnd an. Ich habe dieses Lächeln vermisst, sie strahlt und steckt jeden mit diesem Lächeln an, sodass ich mich dabei erwische wie ich sie zurück angrinse.

Ich schüttele den Kopf, versuche das alles abzuschütteln. Das ist nicht meine Realität. In meiner Realität sind die beiden gestorben und das schon vor einem Jahr. Und sie ist schuld daran, und jetzt sitze ich hier mit den beiden beim Frühstück und es fühlt sich so schön an und so echt.

Ich muss irgendwie aufwachen und kneife mich.

„Auaaa!“

„Liebling alles in Ordnung, was tust du nur?“

Ich schaue zu dem Mann, dessen Stimme gerade durch meine Ohren dringt. Mein Vater.

„Ähm ja alles in Ordnung.“

Ich sitze hier wie vor Jahren mit meinen Eltern am Tisch als wäre Nichts passiert. Warum?

Ich kann nicht aufwachen, ich bin hier und schaue zu den zwei Menschen, die ich eigentlich für tot halte. Ich lächle. Vielleicht bekomme ich die Chance auf eine andere Zukunft. Auf eine bessere Zukunft.